Pro Ana (von pro = für und Ana = Anorexia)
Der Name sagt schon alles: „Für die Magersucht“
Pro Ana ist der Zusammenschluss der Magersüchtigen im Internet, die sich gegenseitig unterstützen und Tipps austauschen, wie man auf dem schnellsten Weg Gewicht verliert. Meist sind es weibliche Besucher, die zwischen 14 – 30 Jahre alt sind und schon unter dieser Essstörung leiden. Auch wenn sie wissen, dass sie nicht gesund sind, sehen Anas die Magersucht nicht als eine Krankheit, sondern als einen Lebensstil. Ihr Motto heißt: „Dünn sein ist wichtiger als gesund sein“ und „Du bist NIE zu dünn“. Es wird zum Hungern animiert und die Magersucht stark verharmlost, indem sie als eine einzig wahre Freundin dargestellt wird.
Das wird besonders in dem so genannten „Brief von Ana“ sehr deutlich, was auf den meisten Pro-Ana-Seiten zu lesen ist.
Brief von Ana:
Hallo! Erlaube mir, mich vorzustellen. Mein Name - oder wie ich von sogenannten Ärzten genannt werde - ist Anorexia nervosa, aber du kannst mich Ana nennen. Ich hoffe, wir werden gute Freunde. In der nächsten Zeit werde ich viel Zeit in dich investieren und ich erwarte das Gleiche von dir.
Deine Freunde verstehen dich nicht. Sie sind nicht ehrlich[…] Nur ich sage dir die Wahrheit.
Ich erzähl dir jetzt mal ein Geheimnis: Tief in deren Inneren sind sie (deine Eltern) enttäuscht von dir. Aus ihrer Tochter ist ein fettes, faules Mädchen geworden, das all das, was es hat, nicht verdient hat. Aber ich bin gerade dabei, das zu ändern. Ich erwarte eine ganze Menge von dir. Du darfst nicht viel essen. Es wird langsam anfangen: Reduzierung der Fettaufnahme, Lesen der Nährwertangaben, Junk Food, Frittiertes etc. wird weggelassen.[…]
Ziemlich bald werde ich dir nicht nur sagen, was du mit Essen machen sollst, sondern auch, was du die ganze Zeit über machen sollst. Lächle und nicke. Zeige dich von deiner guten Seite. Schlage auf diesen fetten Bauch, verdammt, Gott, bist du eine fette Kuh! Wenn es Zeit für’s Essen ist, sage ich dir, was zu tun ist. Ich mache einen Teller mit Kopfsalat, der wie ein Festmahl passend für einen König aussieht. Reiche das Essen herum. Lass es so aussehen, als hättest du etwas gegessen. Kein Stück…wenn du isst, dann wirst du die Kontrolle verlieren…Willst du das? Wieder eine fette Kuh werden, die du einmal warst?[…]
Diese Pro-Ana-Seiten beeinflussen auch das Sozialverhalten der Betroffenen. Sie geben Tipps und Tricks, wie man die Essstörung vor Eltern, Freunden, sogar vor Ärzten geheim halten kann. Gesprochen wird darüber nicht. Keiner würde sie verstehen. Sie wollen deshalb unter sich bleiben. Nur in den Foren mit den anderen Anas kann über die Magersucht gesprochen werden. „Nicht-Anas“ sind selbst hier unerwünscht. Wer wirklich überzeugen kann, dass er magersüchtig ist und es auch bleiben will, wird in diesen Foren aufgenommen. Für die anderen gibt es eine Zugangssperre.
Auf den Seiten findet man viele Regeln, Gesetze, aber auch religionsähnliche Psalme, Glaubensbekenntnisse und sogar die 10 Gebote von Ana. Die Anas halten sich streng an diese Regeln. Bei einem Verstoß gegen eine Regel, bestrafen sie sich selbst, indem sie intensiv Sport betreiben und/oder Fasten.
Beispiele:
Anas Gesetzte
• Du darfst das Essen nicht genießen, sondern du musst es langsam essen und es hassen.
• Während dem Essen sollst du viel trinken, um schneller satt zu werden.
• Jede Portion sollst du in zwei Hälften teilen. Gegessen wird nur die eine Hälfte. Den Rest sollst du an den Rand des Tellers schieben.
• Beobachte andere beim essen. Ist das nicht ein tolles Gefühl zu sehen, dass sie essen und du das nicht brauchst?
• Wenn du Raucher bist, hör jetzt nicht damit auf. Denn das Rauchen hilft dir weniger zu essen.
• Trink koffeinhaltige Getränke! Sie werden den Stoffwechsel beschleunigen und den Appetit zügeln.
• Halte dich öfters in der Küche auf und mache Geräusche, als ob du essen würdest (Kühlschrank auf/zu, Teller klappern…)
• Wiege dich mehrmals am Tag.
Glaubensbekenntnis
• Ich glaube, dass ich die schlechteste, wertloseste und nutzloseste Person bin, die je auf unserem Planeten gelebt hat und dass ich es absolut nicht wert bin bin, die Zeit und Achtung von irgend jemandem zu beanspruchen.
• Ich glaube, dass Leute, die mir etwas anderes als das sagen wollen, Idioten sind.
Wenn sie sehen könnten, wie ich wirklich bin, würden sie mich mehr hassen als ich es selbst tue.
• Ich glaube an die Waage als meinen täglichen Indikator von Erfolg und Niederlage.
• usw…
Typisch in diesen Foren ist auch die Suche nach einem „Twin“ und das Führen von Tagebüchern. Twin ist ein Partner, der meist den gleichen BMI (Body-Mass-Index) hat. Sie sollen gemeinsam zur gleichen Zeit abnehmen, sich gegenseitig unterstützen und zum weiteren Hungern anregen. Im Tagebuch wird das Essverhalten und der Gewichtsverlauf aufgeschrieben. Auch damit versuchen die Anas andere zu motivieren, indem sie ihre Erfolge bei der Gewichtsabnahme dokumentieren.
In manchen Foren finden sogar Wettbewerbe statt, wobei die Anas „um die Wette“ hungern. Gewonnen hat, wer die wenigsten Kalorien pro Tag zu sich nimmt oder wer den niedrigsten BMI hat.
Es wird oft diskutiert, ob diese Seiten geschlossen werden sollen. Für die Anhänger sind Pro-Ana-Seiten ein Zufluchtsort, wo sie aufgenommen und verstanden werden. Ihre Krankheit wird von ihnen verleugnet. Sie sehen die Magersucht nicht als eine Krankheit. Es ist ihr Lebensstil. Sie haben sich dafür entschieden, so zu leben. In ihren Augen kann sie keiner verstehen. Deshalb, meinen sie, fühlen sie sich in solchen Foren geborgen und können über ihre Magersucht reden, was sie sonst mit niemandem tun können/möchten.
Doch viele andere, besonders Psychologen und Ärzte finden diese Seiten sehr gefährlich. Sie sind der Ansicht, dass diese Seiten eine Krankheit verherrlichen, die zum Tode führen kann, wenn sie nicht behandelt wird. Je mehr die Betroffenen sich auf diesen Seiten aufhalten, desto mehr verstricken sie sich tiefer in die Magersucht.
jugendschutz.net berichtet, dass 80% dieser Ana-Foren und Webseiten gesundheits- und jugendgefährdend sind. Nach eigenen Angaben wurden 70% dieser Seiten aus dem Internet entfernt.